my ALS-Blog

Leben mit Amyotropher Lateralsklerose

Die Wunderwelt des Mr. Humble

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Die Aussichten auf Heilung der ALS sind bei realistischer Betrachtung momentan ziemlich gering. Eigentlich sind die Chancen gleich Null. In 20 Jahre wird man vielleicht ein Mittel gefunden haben, aber diese Zeit habe ich nicht. Wollte man diesen Zeitraum ein bisschen verkürzen, wären ganz andere Summen notwendig, als die, die heute in die ALS-Forschung fließen. Die sind nämlich leider der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Ich habe den Eindruck, dass die 2000 Menschen, die jährlich in Deutschland an ALS sterben, als Kollateralschaden des Lebens angesehen werden, der von dem Großteil der Gesellschaft noch nicht einmal wahrgenommen wird. Auch von der Pharmaindustrie ist nicht viel zu erwarten. Pharmaunternehmen handeln wie alle Unternehmen nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten und die Milliarden an Forschungsmitteln würden sich bei so wenig Betroffenen wohl niemals amortisieren.

Die Aussichten für Betroffene sind also ziemlich mies und die Schulmedizin hat nichts zu bieten. Das ist aktuell die traurige Wahrheit, mit der jeder Betroffene irgendwie klarkommen muss. Aber immer dann, wenn die Probleme komplex und die Sorgen groß sind, tauchen mehr oder weniger schillernde Persönlichkeiten mit einfachen Lösungen auf. Denn die Hoffnung der Menschen ist für manchen Lumpen ein profitables Geschäftsfeld. Mit der hoffnungslosen Lage todkranker Menschen lässt sich gutes Geld verdienen. Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist Mr. Jim Humble. Dessen Geschäftsmodel ist ziemlich simpel. Man nehme Industrie-Desinfektionsmittel und dichte ihm neue Wunderwirkweisen an. Und wenn man die nicht beweisen kann, lügt man halt, bis sich die Balken biegen. Dafür wird man zwar von den meisten Menschen wüst als Quacksalber und Betrüger beschimpft, aber der eine oder andere fragt sich sicher: „Vielleicht ist doch was dran?“ Man muss nur verzweifelt genug sein. Und ALS ist zum Verzweifeln.

Mr. Humble war früher Goldgräber, bis er auf eine viel ertragreichere Goldmine gestoßen ist: Das Geschäft mit verzweifelten Menschen. Er behauptet, ein einziges Mittel gegen Malaria, Aids, Krebs, Herpes, Demenz und noch ein paar weitere Krankheiten gefunden zu haben. Also zusammengefasst: ein Wundermittel gegen so ziemlich alles, womit sich die Schulmedizin bisweilen schwertut. Diese Eier legende Wollmilchsau nennt er „Miracle Mineral Supplement“, kurz MMS. Dieser angebliche Wunderstoff ist nichts weiter als Chlordioxid, eine hochreaktive chemische Verbindung aus Chlor und Sauerstoff. Anwendung findet Chlordioxid z. B. in der Textilindustrie, wo es als Bleichmittel eingesetzt wird. Stark verdünnt wird es auch zur Wasserdesinfektion in Schwimmbädern verwandt. Chlordioxid pur ist sehr giftig. Wenn man es verdünnt trinkt, ist das meistens nicht weiter schädlich und führt erst in größeren Mengen zu Schmerzen, Erbrechen und Durchfall. Lebensgefährlich wird es aber unter Umständen, wenn dieser Stoff in die Atemwege gelangt. Es wirkt auf Haut und Schleimhaut je nach Konzentration reizend bis ätzend und um sich vorzustellen, was dieses Zeug in den Lungen anrichten kann, braucht man kein Mediziner zu sein. Sich an Chlorbleiche zu verschlucken ist also unter Umständen das letzte, was man tut und man hat einen ziemlich spektakulären Tod. Den Giftnotrufzentralen wurden bereits Fälle gemeldet, bei denen Betroffene nach der Einnahme von MMS unter teils schweren Lungenproblemen litten. Die zuständigen Behörden haben daher längst von der Einnahme dieses „Produkts“ abgeraten oder es sogar verboten.

Das alles kümmert aber einen Mr. Humble nicht. „Sie müssen ihr Vorstellungsvermögen ausdehnen! Wir sind die Gruppe! Wir sind gekommen, um die Welt zu verändern!“. Was die Verführung von Menschen angeht, verfügt Mr. Humble über Talent und viel Erfahrung. Er war 25 Jahre bei Scientology aktiv, da weiß man, wie das geht. Entsprechend sendungsbewusst ist sein Auftreten. Den Nachweis der Wirksamkeit seiner Wunderlauge hat Mr. Humble im Übrigen bis heute nicht geführt. Er behauptet zwar, er hätte entsprechende Behandlungserfolge in Afrika gehabt, den Beweis bleibt er aber schuldig. Auf seiner Internetseite jammert er, er habe leider die 50 Millionen nicht, die für eine wissenschaftliche Studie notwendig seien, die die Wirksamkeit von MMS beweist. Das ist natürlich totaler Unfug und leicht zu durchschauen. Jeder Investment-Fonds würde sich darum prügeln, Mr. Humble die zehnfache Summe für eine Studie zur Verfügung zu stellen, wenn die Sache auch nur einen Funken Aussicht auf Erfolg hätte. Hat sie aber nicht. Und das letzte was Mr. Humble will, ist eine seriöse Studie.

Die Sache ist für einen vernünftigen Menschen in normaler Lebenslage leicht zu durchschauen. Nun geht es Mr. Humble aber gar nicht darum, die Mehrheit der Menschen von seinen Wundertaten zu überzeugen. Ich wette, er glaubt den Quatsch selbst nicht, den er da verzapft. Es geht ihm um Menschen wie mich. Menschen, die eben nicht in normalen Lebenslagen sind, sondern in ausweglosen Situationen stecken. Menschen, die aus verständlichsten Gründen hoffen, dass an Wundermitteln wie MMS vielleicht doch etwas dran ist, die nach jedem Strohhalm greifen, der sich ihnen bietet, weil sie verdammt noch mal verzweifelt sind und das aus gutem Grund! ALS ist ein ziemlich hartes Schicksal. Ich weiß gar nicht, wie ich meine Empörung in Worte fassen soll, wenn sich so ein Typ derart dummdreist an armen Teufeln wie mir zu bereichern versucht.

Nun kann man ja sagen, dass jeder selbst entscheiden kann, ob er derartige Mittel oder Methoden ausprobiert oder nicht. Das ist sicher richtig. Aber jeder, der MMS oder andere angebliche Wundermittel kauft, anwendet oder anpreist, muss sich auch darüber im Klaren sein, welches System er damit unterstützt. Denn solange Menschen bereit sind, für Unsinn wie MMS Geld auf den Tisch zu legen, wird es Menschen wie Mr. Humble geben, die mit Freude liefern und abkassieren.

 

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