my ALS-Blog

Leben mit Amyotropher Lateralsklerose

Katrins Sommer – die Shits

Ein Kommentar

Anfang Mai fing „mein“ Sommer damit an, dass ich meinen Job aufgegeben habe.

Knut und ich wollten so viel Zeit wie möglich gemeinsam verbringen. Den Sommer genießen. Ohne Verpflichtungen. Wir haben in so kurzer Zeit unser komplettes Leben umgekrempelt, wir wollten zur Ruhe kommen nach dem Umzug und allem, was damit verbunden war. Irgendwie ankommen in diesem neuen Leben. Aber „einfach“ das Hier und Jetzt genießen war gar nicht so einfach. Für mich jedenfalls nicht.

Wir gehen auf das Ende unseres gemeinsamen Lebens zu. Das ist mir in diesem Sommer immer bewusster geworden. Vier Jahre nach unserer Hochzeit. Ich kam mir echt vor, wie in einem richtig, richtig schlechten Hollywood Schinken. Große Lieben enden ja immer eher dramatisch. Die Krankheit klaut uns locker 30 Jahre. Das Filetstück des Lebens, wenn man mich fragt. Der Teil des Lebens, in dem man „angekommen“ ist, in dem Familie (oder deren Gründung) im Vordergrund steht, in dem man sich beruflich etwas erarbeitet hat und man eigentlich die Früchte der bisherigen Arbeit gemeinsam genießen und vielleicht weiter geben möchte, der wurde einfach übersprungen. Stattdessen erwartete uns ein Lebensabschnitt, der ein langgezogener Abschied ist und vor dem ich wirklich Respekt habe. Weil er schon jetzt so viele Veränderungen mit sich bringt. Die Krankheit lässt einem keine Zeit, sich an irgendwas zu gewöhnen. Sie macht keine Pause und sagt „Jetzt atme erstmal durch und schöpf´ erstmal wieder Kraft.“

Aber so lange wir noch zusammen sind, werden wir das alles irgendwie hinkriegen, das weiß ich. Der Teil, der mir wirklich Angst macht und den ich nicht aus dem Kopf bekomme ist das „danach“. Ich empfinde pure Verzweiflung bei dem Gedanken daran, den Mann zu verlieren, den ich so sehr liebe. Und mit einem Sack an Erinnerungen ein neues Leben anfangen müssen, ich weiss nicht, ob ich das überhaupt kann und will. Ja darüber denke ich nach! Seit dem Tag der Diagnose. Wie auch nicht? Es wird so kommen, (außer mich hebelt vorher noch irgendwas aus der Kurve, das ich jetzt noch nicht kommen sehe – kann natürlich auch sein) anders zu denken wäre in meinen Augen Realitätsverweigerung. Die Krankheit an sich, der Weg der nächsten Jahre, das alles ist schwer genug, für Knut sowieso. Er wird leiden in einem Maße, das ich nur ansatzweise erahnen kann. Und wenn für Knut der schlimmste Horror vorbei ist, fängt mein persönlicher Albtraum an: Die Liebe meines Lebens und den wichtigsten Menschen verloren zu haben, der bei Kummer meine erste Anlaufstelle war und mir zur Seite stand.

Da kann ein Sommer noch so schön sein, diese Gedanken können einem einfach ALLES versauen. Ist so.

Für Knut war es Mist mich im Sommer dauernd weinen zu sehen. Ich hätte gern einen Knopf gehabt, mit dem ich das abstellen kann. Auch heute noch. Ich hasse es, plötzlich los zu heulen. Ich hatte im Sommer ein ewig schlechtes Gewissen „Verdirb ihm den schönen Tag nicht mit Weinen. Knut möchte sein Leben genießen, alles raus holen, was geht, steh ihm nicht im Weg dabei, mach einfach mit. Heute ist der beste Tag und es wird nie wieder besser als heute.“ Hat alles nix geholfen. Die meiste Zeit des Sommers war ich ein Haufen Elend in Sommerklamotten.

Ich hasse es auch, Ärztin zu sein, ich hasse es, zu wissen, was kommt und zu sehen, was sich als nächstes anbahnen wird. Auch ne Sache, die ich liebend gern ablegen würde. Ein Wissen, das ich nicht mehr haben will. Ich frage mich, ob alles nicht viel einfacher wäre, wenn man die Dinge nicht kommen sähe, wenn man gar nichts wüsste. Wäre das gnadenvoller? Oder ist es doch besser, zu wissen, was auf einen zu kommt? Damit man weniger unvorbereitet und ausgeliefert ist? Genau zu wissen, was auf einen zukommt, bringt aber für mich mit sich, es nicht für einen Moment vergessen zu können, bis es wirklich in voller Größe vor einem steht. Auch nicht wirklich gut. Gedanken, die einen nicht weiter bringen.

Wir mussten uns schon von einigen Dingen verabschieden. Im Sommer waren es noch Kleinigkeiten, Vorboten des großen Ganzen. Es gibt keinen Trost, es gibt keine Hilfe. Der Ausspruch, dass die Zeit alle Wunden heilt, stimmt sicher. Nur diese Wunde wird erstmal jeden Tag größer und schmerzhafter. Und daran, dass sie eines Tages heilt, mag ich nicht denken, denn wenn die Heilung beginnen könnte, wird Knut nicht mehr da sein.

Ich habe ihn im Sommer so gut verstanden. Seinen unbedingten Willen möglichst viele schöne Dinge zu erleben. Ich wollte, dass er den Sommer genießt und ich hätte mir so gewünscht, ich hätte es auch etwas mehr gekonnt. Ich hatte oft das Gefühl, eher eine Last zu sein und viel trauriger als er.

Ja, es gab viele schöne Erfahrungen und Momente. Aber es war und ist nichts mehr wie früher. Was den Menschen antreibt, nach einem Schicksalsschlag wieder aufzustehen und weiter zu machen, ist die Hoffnung, dass es doch wieder aufwärts geht. Wenn man weiss, dass es das nicht mehr wird, ist es doppelt schwer, nicht einfach liegen zu blieben. Die einzige Hoffnung, die ich noch habe ist, dass wir noch viel Zeit zusammen haben. Aber der Preis dafür wird hoch sein.

Der Sommer war hart und voller kleiner und größerer Verluste. Ein lieber Mensch ist viel zu früh gestorben, ein paar Bekannte sind abgetaucht, ein paar Fähigkeiten sind unwiederbringlich verloren gegangen. Es macht innerlich einsam, wenn sich das Leben abrupt ändert und die Schnittmenge der eigenen Realität mit der Realität der Anderen plötzlich sehr gering ist.

Ja – die Sonne hat geschienen, das Wasser war warm, die Drinks kalt und die Nächte waren lau, unsere Reisen waren schön. Das Planschbecken auch. Aber über allem lag und liegt die Endlichkeit und die Traurigkeit wie ein fieser grauer Schleier.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Katrins Sommer – die Shits

  1. Nachdem ich den letzten Beitrag von Knut gelesen habe, bin ich auf deinen Beitrag gestoßen und was soll ich sagen, als Außenstehende kann ich deine Gefühle kaum nachempfinden, aber ich spüre deine Verzweiflung und Traurigkeit, deine Wut und teilweise Hoffnungslosigkeit. Den Zustand des Schocks, der Sprachlosigkeit, der Wut und Trauer kenne ich allerdings aus eigener Erfahrung. Einer meiner Söhne leidet an Mukoviszidose und als uns die Diagnose „verkündet“ wurde (da war er zwei) fiel ich in ein tiefes, schwarzes Loch, weil der Arzt noch so leicht dahin sagte „er kann aber erwachsen werden“ . Heute ist er fast 29 Jahre alt. Wir haben schlimme Zeiten hinter uns, verzweifelte Tage und wie oft habe ich schon geweint, aber er hat eine Partnerin, einen Beruf und ist gerade in eine neue Wohnung gezogen.
    Ich wünsche euch unendlich viel Kraft für die kommende Zeit und wenigstens ab und zu unbeschwerte Stunden. LG 🔆Sigrid🔆:

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s